Die Grundrechtskonformität freiheitsbeschränkender Massnahmen in psychiatrischen Einrichtungen
deste Mittel und damit die am wenigsten einschneidende Mass
nahme51 zu wählen, und die Massnahmen sind so rasch als möglich
wieder aufzuheben.52 Solche Massnahmen sind weder im Sinne
einer Bestrafung53 noch aus rein pragmatischen Gründen zur Er
leichterung des Betriebs54 oder aus Annehmlichkeit für das Perso
nal, Angehörige oder andere Personen55 anzuwenden.
Massgebend für die Beurteilung solcher Massnahmen ist aus
menschenrechtlicher Sicht das Recht auf Selbstbestimmung, wo
nach jede Person eine medizinische Untersuchung oder Behand
lung verweigern kann. Dieses Recht fliesst aus den Ansprüchen auf
Gesundheit56, Privatleben57, Schutz der psychischen und physischen
Integrität58 und dem Verbot der Folter und anderer grausamer, un
menschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Bestrafung59
sowie aus den Bestimmungen der Biomedizinkonvention.60 Auf
diesen internationalen Vorgaben beruht auch der fundamentale
Grundsatz der aufgeklärten Einwilligung («informed consent»), der
namentlich vorsieht, dass die Einwilligung der betroffenen Person
vor jeder Untersuchung oder jedem Eingriff einzuholen ist. Gemäss
den internationalen Vorgaben kann nur dann von einer Einwilli
gung gesprochen werden, wenn sie frei und informiert erfolgt und
die betroffene Person über die Diagnose, den Zweck und die Art
der Intervention, über deren Folgen und Risiken sowie über alterna
tive Behandlungsmethoden aufgeklärt wurde.61 Eine betroffene
CPT/Inf(2017)6, Ziff. 5; vgl. Nelson-Mandela-Regeln, Regel 48 Ziff. 1 lit. c (Zwangsmittel).
51
Art. 383 Abs. 1 i.V.m. Art. 438 ZGB (Bewegungseinschränkende Massnahmen); CPT/Inf(2017)6, Ziff. 1.4; Art. 27 Ziff. 1 (und
vgl. Art. 8) Empfehlung Rec(2004)10 (Psychische Krankheiten) (Absonderung und Zwang); vgl. Nelson-Mandela-Regeln,
Regel 48 Ziff. 1 lit. b (Zwangsmittel); vgl. MI Principles, Nr. 9 Ziff. 1.
52
CPT/Inf(2017)6, Ziff. 1.6; CPT/Inf (98) 12, Ziff. 48 (Mittel körperlichen Zwangs); vgl. Nelson-Mandela-Regeln, Regel 43 Ziff.
2; vgl. MI Principles, Nr. 10 Ziff. 1 (Verabreichung von Medikamenten).
53
Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), Medizinisch-ethische Richtlinien,
Zwangsmassnahmen in der Medizin, Dezember 2015 (zit. SAMW-RL Zwangsmassnahmen), Ziff. 3.3 ; Künzli Jörg/Frei Nula/
Veerakatty-Fernandes Vijitha, Menschenrechtliche Standards bei unfreiwilliger Unterbringung von Menschen in Altersund Pflegeheimen, dargestellt am Beispiel von Personen mit Altersdemenz, Schweizerisches Kompetenzzentrum für
Menschenrechte (SKMR), Bern März 2016, S. 24.
54
SPT, Approach informed consent, Ziff. 9; SPT, Approach informed consent, Ziff. 15 (Medizinische Behandlung ohne
Zustimmung); vgl. MI Principles, Nr. 10 Ziff. 1 (Verabreichung von Medikamenten).
55
Art. 12 Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, Abgeschlossen in New York am 16.
Dezember 1966 (UN-Pakt I), SR 0.103.1; Art. 25 Abs. 1 UN-BRK.
56
Art. 8 Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten, Abgeschlossen in Rom am 4. November 1950
(EMRK), SR 0.101; Art. 17 Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte, Abgeschlossen in New York am 16.
Dezember 1966 (UN-Pakt II), SR 0.103.2.
57
Art. 17 UN-BRK.
58
Art. 3 EMRK; Art. 7 UN-Pakt II; Übereinkommen gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende
Behandlung oder Strafe vom 10. Dezember 1984 (UN-FoK), SR 0.105; Art. 15 UN-BRK.
59
Art. 5 ff. Übereinkommen zum Schutz der Menschenrechte und der Menschenwürde im Hinblick auf die Anwendung von
Biologie und Medizin (Übereinkommen über Menschenrechte und Biomedizin) vom 4. April 1997 (Biomedizinkonvention),
SR 0.810.2.
60
Art. 5 Abs. 2 Biomedizinkonvention; MI Principles, Nr. 11 Ziff. 2; vgl. Empfehlung R(98)7 (Gesundheitsversorgung), Ziff. 14
f.; vgl. SPT, Approach informed consent, Ziff. 12.
61
Tätigkeitsbericht NKVF 2016
35
Select target paragraph3
Connect to a paragraph
Connect to an entity
Disable highlights
Add to table of contents