Die Grundrechtskonformität freiheitsbeschränkender Massnahmen in psychiatrischen Einrichtungen
ii. Behandlungen ohne Zustimmung
In grundrechtlicher Hinsicht stellt eine Behandlung ohne Zu
stimmung einen schweren Eingriff in die persönliche Freiheit im
Sinne der körperlichen und geistigen Integrität nach Art. 10 Abs. 2
BV74 dar und betrifft die Menschenwürde gemäss Art. 7 BV zen
tral.75 Ist eine Behandlung ohne Zustimmung notwendig, gelten
strengste Anforderungen an die Eingriffsvoraussetzungen.76 Be
handlungen ohne Zustimmung wurden vom Europäischen Ge
richtshof für Menschenrechte (EGMR) z.B. als unmenschlich oder
erniedrigend i.S.v. Art. 3 EMRK beurteilt, wenn die Behandlung
nicht medizinisch notwendig war oder in einer herabwürdigenden
Art und Weise vollzogen wurde.77 Art. 3 EMRK ist auch verletzt,
wenn sich die Behandlung über mehrere Stunden hinzieht und
schwere physische oder psychische Schmerzen oder sogar Verlet
zungen verursacht.78 Es bedarf zudem einer umfassenden Interes
sensabwägung zwischen den tangierten Grundrechten des Patien
ten (persönliche Freiheit und Schutz der Menschenwürde) und den
öffentlichen Interessen (gebotene Fürsorgepflicht79 oder Schutz der
Grundrechte Dritter).80 Eine Zwangsmassnahme zum Zwecke des
Schutzes von Grundrechten von Drittpersonen ist daher nur ge
rechtfertigt, um eine unmittelbare und schwere Gefährdung des
Lebens oder der Gesundheit bzw. eine akute, schwerwiegende Stö
rung des Zusammenlebens abzuwenden.81
Bei der Durchführung von Behandlungen ohne Zustimmung
sollten nur zugelassene, bewährte und schnell wirkende Medika
mente angewendet werden. Den Nebenwirkungen der einzelnen
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV), SR 101.
74
BGE 130 I 16 E. 3 S. 18. Vgl. zum Ganzen auch BGE 126 I 112; BGE 127 I 6; BGE 134 I 221; BGer 6B_824/2015 vom 22.
September 2015.
75
Zur Wahrung der Verhältnismässigkeit ist z.B. die Anordnung und Überwachung einer medizinischen Behandlung ohne
Zustimmung durch einen Arzt unabdingbar; EGMR, Jalloh gegen Deutschland, 54810/00 (2006), Ziff. 73. Siehe auch
SAMW-RL Zwangsmassnahmen, Ziff. 3.2.
76
EGMR, Herczegfalvy gegen Österreich, 10533/83 (1992), insb. Ziff. 82 f.; EGMR, Keenan gegen Vereinigtes Königreich,
27229/95 (2001); EGMR, Jalloh gegen Deutschland, 54810/00 (2006).
77
EGMR, Keenan gegen Vereinigtes Königreich, 27229/95 (2001), Ziff. 116: „The lack of effective monitoring of a person’s
condition and the lack of informed psychiatric input into the assessment and treatment disclose significant defects in the
medical care provided to a mentally ill person known to be a suicide risk. A belated imposition in those circumstances of
a serious disciplinary punishment may well threaten the physical and moral resistance and is not compatible with the
standard of treatment required in respect of a mentally ill person. It must be regarded as constituting inhuman and
degrading treatment and punishment within the meaning of Article 3 of the Convention.” In diesem Sinne auch EGMR,
Jalloh gegen Deutschland, 54810/00 (2006).
78
Art. 12 und Art. 41 Abs. 1 lit. b BV.
79
BGE 130 I 16 E. 5.2 S. 20 f.
80
BGE 130 I 16 E. 5.2 S. 20 f.
81
38
Tätigkeitsbericht NKVF 2016
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